60 Jahre Städtepartnerschaft: Bad Pyrmont und Anzio

 
 

Bad Pyrmont und die italienische Stadt Anzio feierten am 19.10.2018 mit einem Festakt 60 Jahre Städtepartnerschaft. Es handelt sich um eine der ältesten Städtepartnerschaften zwischen einer deutschen und einer italienischen Stadt. Bernd Lange hielt bei dem Festakt ein Grußwort, das unten nachzulesen ist.

 

60 Jahre Städtepartnerschaft Anzio - Bad Pyrmont

 

Sehr verehrte Damen und Herren,

haben Sie vielen Dank für die Einladung.

Es ist mir eine große Ehre, heute diesem Festakt beizuwohnen. Deswegen möchte ich Ihnen zunächst meine herzlichen Glückwünsche zu 60 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Anzio und Bad Pyrmont aussprechen!

 

Städtepartnerschaften sind für Europa von immenser Bedeutung- sie spielen eine wesentliche Rolle für die Völkerverständigung und den kulturellen Austausch. Insbesondere vor 60 Jahren, als Europa unter den Folgen des 2. Weltkriegs litt, war es unerlässlich, die Bürgerinnen und Bürger Europas zusammenzubringen, um behutsam und peu a peu die alten Feindbilder zu überwinden. Dafür war der persönliche Austausch unabdingbar. Da Reisen jedoch wohlhabenden Menschen vorbehalten war und Fernsehen und Internet noch nicht zum Alltag dazugehörten, waren neben den historischen Ereignissen, auch schieres Unwissen über den europäischen Nachbarn für Ressentiments und eine Stärkung von Klischees und Stereotypen innerhalb Europas verantwortlich.

 

Da kommen die Städtepartnerschaften ins Spiel. Diese grenzüberschreitenden Kooperationen fördern die Mobilität der Europäerinnen und Europäer, führen zu persönlichen Begegnungen und ermöglichen, das Verständnis füreinander außerhalb der Landesgrenzen zu stärken. Dies gilt für damals wie auch für heute. Wir leben in Zeiten schnell fortschreitender Globalisierung, in denen bei den Menschen häufig ein Gefühl von „Verlorenheit“ und „abgehängt sein“ vorherrscht. Renationalisierungstendenzen und eine Hinwendung zum Protektionismus stehen verstärkt auf der Tagesordnung. In diesen bewegten Zeiten sind der direkte Dialog und das Gefühl für gemeinsame europäische Werte unbezahlbar. Die EU beschließt gute Gesetze für Europa, das Wurzelgeflecht Europas bilden jedoch die Städtepartnerschaften.

 

Die Europäische Union ist sich der Rolle von Städtepartnerschaften bewusst. So fördert die Gemeinschaft etwa durch das Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger Projekte, die das Bewusstsein für die gemeinsame Geschichte und die gemeinsamen europäischen Werte stärken. Auch werden Gemeinden und Verbände unterstützt, die über einen längeren Zeitraum hinweg an einem gemeinsamen Thema arbeiten und Städtenetzwerke aufbauen, um eine nachhaltige Zusammenarbeit in Europa zu erwirken. Städtepartnerschaften sind nicht von Routine geprägt, sie zeugen von Lebendigkeit und Dynamik. Der Austausch zwischen jungen Menschen ist dabei von großer Bedeutung.

 

Noch nie zuvor gab es zwischen den Ländern, die heute zur EU gehören, so lange keinen Krieg. Heutzutage erscheinen vor allem jungen Europäerinnen und Europäern Frieden und Stabilität in Europa oft selbstverständlich. Wir sollten deswegen unser Bestmögliches tun, um insbesondere junge Menschen für die wesentliche Bedeutung von Frieden, Demokratie und Solidarität zu sensibilisieren. Ein weiteres Ziel muss sein, ihnen den großen Mehrwert der europäischen Vielfalt zu vermitteln. Wir müssen uns kennenlernen, um uns verstehen zu lernen.

 

Genau dies machen Sie, meine Damen und Herren. Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Anzio und Bad Pyrmont werden jährliche Jugendaustausche in beiden Städten organisiert. Dies bietet den Jugendlichen eine einmalige Erfahrung: Horizonte werden erweitert, soziale und kommunikative Kompetenzen gestärkt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede nahbar gemacht, Freundschaften geschlossen und das Verständnis zwischen den Kulturen in Europa gefördert.

 

Ich möchte in diesem Zusammenhang insbesondere auf Ihr, von der EU gefördertes, Partnerschaftsprojekt „Kriegsgräber- mahnende Zeugen einer Geschichte“ eingehen, bei dem deutsche und italienische Jugendliche ihre gemeinsame europäische Geschichte, insbesondere vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs und wiedererstarkender Nationalismen, erforschten. Themenbezogene Recherchen und Dokumentationen vor Ort, Zeitzeugeninterviews, die gemeinsame Reflexion uvm. ermöglichten den jungen Menschen, verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und ein tieferes Verständnis für die europäische kulturelle Vielfalt zu entwickeln. Dabei wurde den Jugendlichen die Bedeutung eines geeinten und friedlichen Europas stark bewusst. Ich möchte Ihnen recht herzlich zu diesem, für die Teilnehmenden sicher sehr intensiven, Projekt beglückwünschen. Europa braucht genau solche Projekte. Projekte, die die interkulturelle Toleranz bereits im jungen Alter fördern, die Empathie innerhalb der EU stärken und das Bewusstsein für ein geeintes Europa als Garant für Frieden schärfen.

 

Das EU-Programm Erasmus+ unterstützt internationale Jugendbegegnungen. Diese ermöglichen Jugendlichen, interkulturelle Erfahrungen zu sammeln, neue Sichtweisen kennenzulernen und europäisches Miteinander konkret und hautnah zu erleben. Die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Europäischen Parlament haben erfolgreich dafür gekämpft, dass die Mittel für das Programm seit mehreren Jahren stetig ansteigen, so dass neben Studierenden auch mehr Auszubildende, Schülerinnen und Schüler, Freiwillige oder auch junge Menschen ohne Job die Möglichkeit für eine Bildungsreise ins Ausland offensteht. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass im Programm Erasmus+ die Jugend- und Schulpartnerschaften eine besondere Förderung erfahren. Denn klar ist: Die europäische Integration kann nur von Erfolg gekrönt sein, wenn das Herz Europas- seine Bürgerinnen und Bürger- im Dialog miteinander stehen.

 

Frieden, Stabilität, Freiheit und Demokratie bilden die größten Errungenschaften der europäischen Integration. Sie sind die Grundpfeiler jeden weiteren Fortschritts. Die Achtung der Menschenwürde, die friedliche Zusammenarbeit, die Gleichheit und die Solidarität verbinden uns. Deutschland hat sich in seiner Geschichte für Europa entschieden. Ein Staat alleine ist heute Spielball der Interessen, nur zusammen ist die EU zukunftsfähig. Wir müssen gemeinsam und mit vereinten Kräften aufsteigenden Nationalismen entgegentreten.

 

In Europa finden wir unsere Zukunft. Städtepartnerschaften und Jugendbegegnungen wie Ihre internationalen Kooperationen und Projekte tragen stark dazu bei, die Bürgerinnen und Bürger Europas miteinander zu verbinden, die interkulturelle Verständigung zu stärken und ein Bewusstsein für unsere europäischen Werte zu schaffen. Ich bitte Sie: Machen Sie weiter so.

 

Nur mit einer gemeinsamen Stimme kann Europa Frieden, Demokratie und Nachhaltigkeit fördern und auf bisherigen Erfolgen aufbauen.

 

Ganz wie der Grundsatz der EU es besagt: In Vielfalt geeint.

Meine Damen und Herren, Europa braucht Sie! 

 

Vielen Dank!