Warum die Politik zu männlich ist

 

Auch 100 Jahre nach der Errungenschaft des Wahlrechts haben Frauen noch nicht in allen Bereichen gleichgezogen. Warum ist das so? Unter dieser Fragestellung stand eine Diskussion der SPD Lüneburg unter dem Thema „Auf der Suche nach dem Suffragetten 4.0“. Mehr als zwei Stunden lang tauschten sich die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, Gewerkschafterin Magdalena Zynda-Elst und die Leiterin des Leuphana College, Dr. Steffi Hobuß, aus.

 

Auch 100 Jahre nach der Errungenschaft des Wahlrechts haben Frauen noch nicht in allen Bereichen gleichgezogen. VON JOSEPHINE WABNITZ

Lüneburg. „Es gab eine Sorte von Menschen, die nicht als vollwertig zählte.“ Der Satz klingt aus heutiger Sicht fast unwirklich, dennoch ist diese Realität nicht allzu lange her. Das Wahlrecht für Frauen war vor hundert Jahren demnach eine große historische Errungenschaft im Kampf um die Gleichberechtigung. Inzwischen sind Männer und Frauen per Gesetz gleichberechtigt, doch in den Parlamenten sind Frauen nach wie vor deutlich in der Minderheit – warum ist das so? Unter dieser Fragestellung stand eine Diskussion der SPD unter dem Thema „Auf der Suche nach dem Suffragetten 4.0“. Mehr als zwei Stunden lang tauschten sich die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, Gewerkschafterin Magdalena Zynda-Elst und die Leiterin des Leuphana College, Dr. Steffi Hobuß, aus. Einen Denkanstoß lieferte Hobuß mit ihrem Vortrag über die Haltbarkeit von Stereotypen. Viele Werbespots beispielsweise zeigen noch immer traditionelle Geschlechterrollen. Das liege zum
Teil daran, dass der Großteil der Menschen durch tägliches Handeln unbewusst diese Stereotype aufrechterhalte. Des Weiteren habe sich ein Anti-Feminismus entwickelt, den Hobuß selbst zu spüren bekomme: „Ich wurde schon mehrmals gefragt, warum ich überhaupt Feministin sei, immerhin sei ich als Frau in einer Führungsposition ja das Paradebeispiel dafür, dass wir Feminismus nicht mehr bräuchten“, sagte die Philosophin. Wie man am Frauenanteil in den Parlamenten sehen könne,
sei dem nicht so. „Es liegt nicht daran, dass die Frauen keine Lust auf Politik haben“, stellte Herta Däubler-Gmelin klar. „Viele junge Frauen engagieren sich in Jugendparlamenten, wo ihre Pflichten weit über die einer Schriftführerin hinausgehen.“ Die Frage, warum es dann nur so wenige in die höheren Parlamente schaffen, beantwortete Magdalena Zynda-Elst: „Eine Freundin von mir war lange politisch
aktiv, aber irgendwann hatte sie keine Lust mehr, die Kommunikationsweisen der Männer mitzutragen.“

Umgangston im Parlament war vor Jahren noch heftiger.

Däubler-Gmelin verriet, dass der Umgangston zu ihrem Amtsantritt im Parlament damals heftig
gewesen sei; Sätze wie „Na, hast Du Dir schon ausgesucht, wen Du Dir angeln willst?“ seien an
der Tagesordnung gewesen. Noch heute sei es so, dass in politischen Gremien Männer oft den größeren Redeanteil haben. „Männer zeigen gerne Präsenz, auch wenn das heißt, dass man
etwas wiederholt, was schon gesagt wurde. Frauen nutzen ihre Zeit anders.“ Sie ist sicher: Männern
gehe es oft vor allem um Quantität, während Frauen eher auf Qualität bedacht seien. Hobuß
kennt das Phänomen aus Studentengruppen: „Selbst wenn in einem Kursus zwanzig Frauen und zwei Männer sind, höre ich trotzdem oft nur die Männer reden.“ Die ehemalige Bundesministerin empfahl: Frauen müssten sich während der Diskussionen aufeinander beziehen und somit die Beiträge der Vorrednerinnen anerkennen, „am Besten benutzt man auch gleich die Namen der Person, auf die man aufmerksam macht“. Das steigere das Selbstbewusstsein der Rednerinnen und verhindere außerdem, dass einzelne Beiträge in Vergessenheit gerieten.

Ist erst ein Kind da, liegt der Fokus eher auf der Familie


Ein weiterer Grund für die geringe weibliche politische Präsenz sei die Familiengründung. Wenn erst ein Kind da ist, bekommen für Frauen Erziehung und Haushalt oft Vorrang. Eine Zuhörerin wandte ein: „Wir müssen Dinge wie gleiche Löhne und Arbeitszeit selbst fordern.“ Ungleiche Löhne und traditionelle Arbeitsmuster gingen da Hand in Hand: „Es ergibt ja keinen Sinn, wenn der Hauptverdiener
zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert“, sagte Däubler-Gmelin. Und Hauptverdiener sei in den meisten Fälleneben der Mann. Dabei seien Frauen in der Politik wichtig, waren sich die Gesprächspartnerinnen einig. Das erkenne man schon im Wahlverhalten, meinte Däubler-Gmelin:
„Frauen haben im Durchschnitt eine größere Distanz gegenüber Rechtsextremen, und sie kapieren
meiner Erfahrung nach schneller, dass man auf Umweltschutz setzen muss.“ Auch würde durch mehr politisch aktive Frauen der Fokus kleinerer Gremien maßgeblich verändert werden – so würden Ausgaben durch ihr Engagement eher beispielsweise zur Regulierung des morgendlichen Verkehrs vor Schulen und Kindergärten eingesetzt. Zynda-Elst wünscht sich eine „gerechte Verteilung von Macht“,
während Hobuß sich mehr weibliche Solidarität wünscht. Lauten Applaus gibt es für Däubler-Gmelins Formulierung: „Wir dürfen nicht mehr zulassen, dass die Politik die Frage Umweltschutz auf irgendwann vertagt.“

Lüneburg_Frauenwahlrecht_LandeszeitungFoto: Landeszeitung für die Lüneburger Heide

Prominente Diskussionsteilnehmerin in Lüneburg: Herta Däubler-Gmelin (l.) neben dem SPD-Europaabgeordneten Bernd Lange und der SPD-Landtagsabgeordneten Andrea Schröder-Ehlers.

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Landeszeitung vom 27.11.2018: 100 Jahre Frauenwahlrecht PDF 205 KB