Bio-Kennzeichnung jetzt ganz grün – und auch besser?

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Olaf Weinel
Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Niedersachsen

Von Olaf  Weinel, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Niedersachsen

Europa zeigt ein neues Gesicht bei Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung. Hatten sich die Verbraucher in Deutschland seit 2001 an das Sechseck gewöhnt, das für Bio-Lebensmittel steht, gibt es jetzt ein neues Zeichen der EU. Verpflichtend ab 1.7. ist das gänzlich grüne Logo auf den Bio-Lebensmittelverpackungen aufzudrucken.
Aber hat sich damit entscheidend etwas verändert? So wie bisher beim Sechseck wird der ökologische Wert unter neuem Zeichen auch nur den Mindeststandard nach EU-Vorgaben erfüllen. Die Erkennbarkeit ist allerdings in der Tat nun auch von Spanien bis nach Finnland, von Irland bis nach Bulgarien binnenmarktkonform gegeben. Erlaubt ist die Verwendung bisheriger Zeichen als Zusatz, somit verschwindet in Deutschland das bekannte Sechseck nicht sofort. 

Für Verbraucher ist es wichtig, was sich hinter solchen Logos, Siegeln und Gütezeichen verbirgt. Aus dieser Sicht sind die Verbraucherzentralen nicht ganz zufrieden mit dem neuen Aufdruck. Mindeststandard besagt ja auch, dass bestimmte Anbieter von Bio-Lebensmitteln auch strengere Anforderungen an Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung legen. Diese haben meist Eigenmarken, deren Kriterien ihrem Kundenkreis entsprechen und teilweise als qualitativ hochwertiger angesehen werden. Insoweit müssen Verbraucher sich weiterhin mit verschiedensten Kennzeichnungen und deren unterschiedlicher Bedeutung auseinandersetzen. Bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen gibt es dazu Informationen.


Wie gut Bio-Lebensmittel sind, kann aktuell auch bei der Stiftung Warentest nachgelesen werden. Ausgewertet wurden 85 Lebensmitteltests seit 2002 und das Resümee fällt verhalten aus. Zwar wird festgestellt, dass die Belastung mit Pestiziden anders als bei konventionellen Produkten nur sehr selten vorkommt. Frei von Schadstoffen sind die Bio-Waren aber auch nicht. Der in Niedersachsen jüngste Skandal um dioxinbelastete Bio-Eier ist angeblich auf den aus der Ukraine gelieferten Mais zurückzuführen. Allerdings haben die Untersuchungen bisher nicht die Quelle feststellen können, angeblich müsste der Schadstoffeintrag auf dem Schiffstransport geschehen sein, dafür gibt es jedoch keine Erklärung.


Im Übrigen hatte die Verbraucherzentrale sofort gemäß dem seit 2008 geltenden Verbraucherinformationsgesetz beim Landkreis Emsland die behördlich festgestellten Untersuchungsergebnisse angefordert. Die Antwort war allerdings wenig befriedigend, weil wegen der besonderen Bedeutung des Falles auf das Landwirtschaftsministerium verwiesen wurde. Dies hat inzwischen geantwortet, aber nur wie zuvor beschrieben ein schwaches Licht ins Dunkel gebracht. Die Anwendung des Verbraucherinformationsgesetzes birgt also noch immer einige Hürden, die der Bundestag in seiner Zuständigkeit dringend beseitigen sollte. Kritisch wird von der Verbraucherzentrale auch gesehen, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Überwachungsbehörden noch immer nicht bürgerfreundlich genug ist.


Bemerkenswert an diesem Skandal ist außerdem, dass zutage tritt, wie Bio-Lebensmittel inzwischen in großem Stil erzeugt werden. Wenn beispielsweise Futtermittel von weit her kommen und die Verarbeitungsketten länger werden, können auch in diesem Bereich verhängnisvolle Fehler passieren, und das auch unter dem neuen Zeichen. Die Kontrollen unterliegen den Lebensmitteluntersuchungsämtern, die in Niedersachsen meist bei den Landkreisen angesiedelt sind. Bekanntlich wird zwar regelmäßig kontrolliert, aber die Personaldecke dieser Behörden erlaubt nicht immer die nötige Dichte der Prüfungen. Nicht umsonst haben die Öko-Landbauverbände sofort auf die teilweise eigenen und strengeren Kontrollsysteme verwiesen. Immerhin sollen keine der kürzlich verseuchten Eier in den Handel gelangt sein.
Das Beispiel macht auch deutlich, dass der Markt von Bio-Lebensmitteln sich von seinem anfänglichen Image von Direktvermarktung bzw. regionaler Erzeugung verabschiedet. Sichtbar ist dies auch der gewachsenen Anzahl von Bio-Supermärkten oder den längeren Regalen im herkömmlichen Einzelhandel. Auch Bio-Lebensmittel werden im Binnenmarkt unbeschränkt gehandelt. Aus dieser Sicht ist es richtig, das neue europäische Zeichen einzuführen. Die Verbraucher werden sich daran gewöhnen, auch wenn die Lebensmittel sich gegenüber der bisherigen Wertigkeit nicht verbessert haben dürften.


So wichtig dieses Logo als Erkennungszeichen ist, wichtiger ist für alle Lebensmittel die verständliche Nährwertkennzeichnung, die Lesbarkeit der Angaben auf Verpackungen, eine verbesserte Herkunftskennzeichnung und die einheitliche Orientierung auf Nährwertprofile für gesundheits- und nährwertbezogene Angaben. Die Forderungen nach der Ampel verstummen keineswegs, auch wenn das EU-Parlament andere Wege einschlagen will. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Orientierung über die Ampel für die meisten Befragten hilfreicher ist als die von der Lebensmittelwirtschaft bevorzugte GDA-Kennzeichnung, die den Tagesbedarf prozentual in Zahlen darstellt. Ein entsprechender Forderungskatalog wurde Anfang Mai an das EU-Parlament geleitet.

 

Verbraucherzentrale Niedersachsen

    bio_Eu-Label ab 2010
    Dieses Bio-Siegel tritt EU-weit ab 01. Juli 2010 in Kraft.

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