Für die Wirtschaft schlägt es weiblich

Kuehne_Tanja

Tanja Kühne,
Landesvorsitzende Niedersachsen vom Verband deutscher Unternehmerinnen

Nachdem die Finanzkrise gezeigt hat, dass ein ganzer Wirtschaftssektor strukturell mit enormen Risiken aufgestellt ist, möchte ich heute über eine andere strukturelle Herausforderung sprechen, die uns aktuell umtreibt.


Europaweit zu spüren, bei uns in Deutschland hautnah präsent: „40%-Quote für Frauen in Aufsichtsräten“ ist die gesellschaftsübergreifende, überwiegend weibliche Forderung, die viele nicht mehr ruhen lässt. Statt es, wie in der Vergangenheit, ein kurzes mediales Aufbäumen der weiblichen Gesellschaft zu sein scheint, ebbt diese Forderung nicht mehr ab. Die Kontrollgremienforderung schließt selbstverständlich die Chancengleichheit für Frauen in Top-Führungspositionen ein. Ein großer Dax-Konzern hat es begriffen und schreitet mit großen Schritten voran, um das selbst auferlegte Ziel zu erreichen, bis 2015 30% weibliche Führungskräfte im mittleren und oberen Management beschäftigt zu haben. Beispielhafte Personalpolitik eines Konzerns. Immerhin.


Nur von vielen Spitzenpolitikern in Deutschland müssen wir feststellen: still ruht der See. Bis einer, der -hofer, der seine Partei auf weiblichen Erfolgskurs bringen wollte, den Startschuss für Politkolleginnen und –kollegen gab, sich der Forderung für eine Frauenquote innerhalb der Partei anzuschließen. Gegen Stimmenverlust bei den Frauen im Land. So oder so: Positiv für politisch aktive Frauen in Bayern. Immerhin.


Der VdU handelt:
Bereits 2008 hat sich der Bundesvorstand des VdU als erster Wirtschaftsverband in Deutschland dazu entschieden, von der Politik die Einführung einer Quote von 40 Prozent zur Verbesserung der Situation von Frauen in Aufsichtsgremien zu fordern. Denn freiwillige Selbstverpflichtungen alleine werden die Präsenz von Frauen in Aufsichtsgremien in absehbarer Zeit nicht verbessern. Sowohl männliche als auch weibliche Führungspersonen begrüßen zwar die stärkere Beteiligung von Frauen in Aufsichtsräten mehrheitlich, dieses Bekenntnis alleine führt aber nicht automatisch auch zur Berufung qualifizierter Frauen in diese Gremien.


Die deutsche – und europäische – Wirtschaft kann aber nicht weiter auf qualifizierte Frauen verzichten, daher muss aus Sicht des Verbands deutscher Unternehmerinnen der Umdenkungsprozess für einen gewissen Zeitraum durch gesetzliche Maßnahmen flankiert werden.


Projekt: Stärkere Präsenz von Frauen in Aufsichtsgremien
Ziel des auf drei Jahre angelegten Projektes „Stärkere Präsenz von Frauen in Aufsichtsgremien“ ist zum einen die gezielte Aufstiegs- und Karriereförderung für 150 weibliche Führungskräfte und zum anderen die Vermittlung von geeigneten Frauen an Unternehmen, die ihre Aufsichtsgremien mit Frauen besetzen möchten. Mit diesem Projekt begegnet der VdU somit auch der immer wiederkehrenden Behauptung, dass vakante Positionen nicht mit Führungsfrauen besetzt werden könnten, da es keine geeigneten Kandidatinnen gäbe.


Das Seminarangebot für Frauen in Top-Führungspositionen wird ergänzt durch den Aufbau einer nicht-öffentlichen Datenbank mit den Qualifikations- und Kompetenzprofilen der Teilnehmerinnen, aber auch weiterer interessierter Kandidatinnen. Diese Datenbank versteht sich als bundesweite Börse zur Vermittlung von potentiellen Mandatsträgerinnen in Aufsichtsgremien.


Das Projekt wird gefördert durch die Bundesinitiative „Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft.“ Die Initiative wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds finanziert und wurde gemeinsam mit der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) entwickelt. Sie verfolgt das Ziel, Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren, wie Unternehmen und Sozialpartner die Beschäftigungssituation von Frauen nachhaltig verbessern können.

Die Bundesinitiative ist auf folgende Ziele ausgerichtet:
+ eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen
+ gleiche Aufstiegs- und Karrierechancen
+ eine bessere Beteiligung an betrieblicher Weiterbildung
+ die Verringerung der Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern und + eine bessere Work-Life-Balance.
Diese Ziele stehen im Einklang mit den Zielen der Europäischen Kommission.


EU-Kommission fordert Frauen-Quote
Die Brüsseler EU-Kommission hat den Unternehmen in Europa gesetzliche Maßnahmen angedroht, falls sie nicht mehr Frauen in Führungspositionen befördern.


Die Kommission plant bis 2015 den Frauenanteil in Aufsichtsräten auf 30 Prozent zu erhöhen, bis 2020 sollen es dann 40 Prozent sein. Bisher sind nur drei Prozent der Vorstandsvorsitzenden großer europäischer Unternehmen weiblich. Und das obwohl mittlerweile weit über die Hälfte der Hochschulabsolventen Frauen sind.


EU-Kommissarin Viviane Reding, zuständig für Justiz- und Gleichstellung, sagte hierzu: "Ich war bisher keine Befürworterin von Frauenquoten für Führungspositionen in der Wirtschaft, aber in Anbetracht des Stillstands in diesem Bereich sollten wir Initiativen auf europäischer Ebene nicht länger ausschließen. Um das Wachstum in Europa wieder anzukurbeln, sollte Europa die Talente besser nutzen." Im Frühjahr 2011 will sie sich mit den Vorständen der größten börsennotierten europäischen Unternehmen an einen Tisch setzen und ausloten, inwieweit die Wirtschaft zu einer energischen Selbstregulierung bereit ist. Vom Ergebnis dieses Dialogs wird es abhängen, ob sich 2012 weitere Initiativen als erforderlich erweisen.
Außerdem hat die Europäische Kommission im September 2010 eine Fünfjahresstrategie für mehr Chancengleichheit von Frauen und Männern in Europa angenommen. Diese Strategie soll dazu beitragen, das Potenzial der Frauen besser für die wirtschaftlichen und sozialen Ziele der EU zu nutzen.
 

Die Chancen nutzen
Studien beweisen längst, dass gemischte Führungsteams erfolgreicher in der Wirtschaft sind. So täten wir zu einem gut daran, dafür zu sorgen, dass der Bankensektor seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben strukturell nachkommen kann. Genauso entscheidend ist es aber auch, dass wir gemischte Führungsteams auf allen Ebenen der Wirtschaft und Politik verankern.

 

Tanja Kühne ist Landesvorsitzende des Verbandes deutscher Unternehmerinnen in Niedersachsen. Seit 2006 ist Frau Kühne Geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur Riegel Design Dept. 
 

 

Riegel Design Dept. im web

    Im Verband deutscher Unternehmerinnen e.V. (VdU) sind rund 1.600 Unternehmerinnen organisiert. Sie erwirtschaften zusammen einen Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro und beschäftigen über 320.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland. Der VdU wurde 1954 in Köln als Vereinigung von Unternehmerinnen (VvU) gegründet.

    Er ist der größte deutsche Wirtschaftsverband, der branchenübergreifend die Interessen insbesondere mittelständischer Unternehmerinnen aus Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistung vertritt. Seit mehr als 55 Jahren setzt er sich erfolgreich dafür ein, dass die Stimme der Unternehmerinnen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft angemessen Gehör findet.

    Der Verband ist Unterzeichner der Charta der Vielfalt und Mitglied im Nationalen Pakt für „Frauen in MINT-Berufen“ sowie im Aktionsbündnis zum Equal Pay Day. Der VdU wird in den kommenden drei Jahren mit seinem ESF-geförderten Projekt „Stärkere Präsenz von Frauen in Aufsichtsgremien“ Frauen für Positionen in Beiräten und Aufsichtsräten schulen.

    VdU im Web