In einem Boot für Toleranz: Letztes Multikulti-Drachenbootrennen beginnt mit Brückentaufe

 
 

IN EINEM BOOT: Auch Vertreter der Politik paddelten parteiübergreifend mit. Vorne der SPD-Europaabgeordnete
Bernd Lange – nicht ganz parteikonform mit schwarzem Paddel.

 

VON ANDREAS KRASSELT

HANNOVER. Am Anfang saß man auch zusammen in einem Boot, Werner Hohlbein und einige Freunde paddelten über den Maschsee. Zwei Wochen zuvor waren in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten die Mohammed-Karikaturen erschienen. Die folgenden Ausschreitungen wie etwa die Stürmung der dänischen Botschaft in Damaskus seien beim gemütlichen Bier nach der Bootstour auch in ihrer Runde das Thema gewesen, berichtete Hohlbein. „Wir diskutierten, ob man in einer so kleinen Gruppe etwas bewirken könne.“ Man konnte. Da Herbert Pinnecke, 1. Vorsitzender des Sport Club Hannover, auch von Anfang an mit im Boot saß, war die Idee, mit Drachenbooten ein Zeichen zu setzen, schnell geboren. Seit 14 Jahren paddeln bis zu 400 Menschen aller Hautfarben, verschiedener Religionen und Nationalitäten einmal im Jahr auf dem Machsee für Frieden, Toleranz und Völkerverständigung. „Auch wenn wir zwei jetzt Tschüss sagen, haben wir doch etwas angestoßen“, betonte so auch Pinnecke. Die Idee zog nicht nur Gäste aus aller Welt nach Hannover, sondern strahlte auch in alle Welt. In vielen Ländern wurde sie aufgegriffen. Aber: Vielleicht würden sie nach eine Pause noch mal darüber nachdenken, sagte Pinnecke weiter: „Schau’n wir mal.“ Es gibt also eine kleines Fünkchen Hoffnung auf Fortsetzung, wie auch immer sie aussehen wird. Auch Bürgermeisterin Regine Kramarek sah sich in ihrem Grußwort dazu veranlasst, das drohende Ende nicht kommentarlos hinzunehmen: „Die Stadt wird sich Gedanken machen müssen, wie sich das fortführen lässt. Vielleicht in anderer Gestalt“, betonte sie. Um mit dem Projekt aber schon jetzt ein nachhaltiges Zeichen zu setzen, wurde am Sonntag im Vorfeld der Veranstaltung die kleine Brücke über den Schnellen Graben
an der Maschseequelle dem Anlass entsprechend getauft. Sie heißt jetzt „Brücke für Toleranz und Verständigung“. In einem feierlichen Akt wurde das Namensschild enthüllt. „Ein absolut wichtiges Zeichen“, so Abdou Ouedraogo vom Niedersächsischen Integrationsrat. Auch Werner Hohlbein hofft, dass vielleicht ein paar jüngere Engagierte das Zepter aufgreifen und weitermachen könnten. „Da hängt ja sehr viel dran. In meinem Alter stellt sich die Frage, schaffe ich das noch?“. Er wäre aber bereit, mit seinen Kontakten und seinem Netzwerk Hilfestellung zu geben. „Wir hatten am Anfang ja nicht gedacht, dass die Welt mal so brennt wie jetzt“, sagte Hohlbein. Doch das Projekt habe einen großen Beitrag dazu geleistet, Hannover für die Willkommenskultur seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 vorzubereiten, lobte Regine Kramarek. Auch Hohlbeins schönsten Erinnerungen verknüpfen sich mit Flüchtlingsschicksalen. „Wir hatten Kinder hier, die nicht schwimmen konnten, die von der Bootsfahrt über das Mittelmeer traumatisiert waren“, erzählt er. Mit Schwimmwesten ausgestattet hätten sie sich aber schließlich doch auf Drachenboote führen lassen. „Ein ungeheurer Vertrauensbeweis, das hat mich sehr bewegt.“

20190623 DrachenbootFoto: Samantha Franson

Alle in einem Boot, ganz vorn sitzt SPD-Europapolitiker Bernd Lange.